Porträts von Filmschaffenden beginnen häufig mit der Beschreibung einer Szene aus einem ihrer Werke, die einen Eindruck der Arbeit vermitteln soll. Im Fall von Luise Müller fällt das schwer, denn ihr bisheriges Schaffen zeichnet sich vor allem durch das Vermeiden bestimmter Bilder aus. Ihre Arbeit ist eine, die der Gewalt medialer Bilderfluten mit ethischer Sorge und menschenzugewandter Demut entgegentritt. Das zeigt sich eben weniger in Bildern als in Nicht-Bildern. So nähert sie sich dem Protagonisten E. In ihrem jüngsten Film Ausgangslage (work in progress) mit Schwarzbildern, während E. aus dem Off von der Gewalt erzählt, die er in seiner Familie erlebt hat, als er noch K. und eine Sie war. Zwischen den intensiven Tonaufnahmen montiert Müller Aufnahmen einer winterlichen Landschaft, die sich gleich eines Pflasters auf die Wunden legen, von denen berichtet wird. Auch Menschen sind in dieser behaglichen Atmosphäre zu sehen und so verweisen die auf Film gedrehten Zwischenbilder auf eine mögliche Existenz von E., ein Weiterleben nach der Gewalt. Dabei wird nie ausgesprochen, dass es sich um E. handelt, der zu sehen ist, man begreift auch ohne die übliche Beweislogik filmischer Bilder, um was es geht. Die Entscheidung, E. nicht zu zeigen, öffnet einen Raum fürs Zuhören und lässt eine intime, vertrauensvolle Atmosphäre entstehen. Der Protagonist wird geschützt vom Schwarz der Leinwand, was sein Schicksal universeller erscheinen lässt. So treten Strukturen in den Vordergrund, anstelle individueller Opfergeschichten. Als Zuschauer_in versteht und begegnet man E. auf Augenhöhe, ohne in Mitleid zu verfallen, das nach Sehen des Films schnell vergessen wäre.

Ein ähnliches Vorgehen wählt Müller auch in ihrem frühen Kurzfilm Morgenstund’ (2018). In diesem filmt sie einen Zeitungsverkäufer in Wien, kadriert ihn aber durchgehend so, dass er nie vollständig zu sehen ist. Hier arbeitet eine Filmemacherin, die sich nicht nur fragt, welche Bilder einem Menschen gerecht werden, sondern auch, welche ihn entblößen würden. Sie verzichtet bewusst auf die im Dokumentarfilm häufig genutzte Strategie, Protagonist_innen an jenen Punkt zu treiben, an dem etwas in ihnen aufbricht. Auch das Gespräch mit E. wirkt bei aller Schwere nie so, als würde E. dem Film ausgeliefert werden. Vielmehr scheint er vorzugeben, wo seine persönlichen Grenzen liegen. Anonymität ist ein hohes Gut und Müller löst den scheinbaren Widerspruch zwischen dem Filmen und dem Nicht-Zeigen-Wollen mit einem erstaunlichen Gespür für das, was sich in kleinen Gesten, Gegenständen und Räumen offenbart – als leiser Nachhall dessen, was einmal geschehen ist. Die Vergangenheitsform ist dabei kein Zufall. Müller filmt oft nach den Ereignissen. Sie sucht nach den Spuren, die bleiben, wenn Gewalt an Orten und in Menschen gewirkt hat. In ihrem Film Staub (2018) zeigt sie beispielsweise die Instandhaltung eines Konzentrationslagers heute. In zu reparierenden Fenstern lagert sich die Zeit ab – eine Zeit, die anderswo in längst abgenutzten Phrasen gegenwärtig gehalten werden möchte. Müllers Appell ist der Folgende: „Lasst uns die Dinge nicht immer in gleicher Weise anschauen. Lasst uns etwas entdecken im eingeschränkten Blick, im Blick auf das, was bislang unbeachtet geblieben ist!“ Darin zeigt sich eine Sensibilität, die an eine unverbrauchte Wirklichkeit glaubt, die noch nicht besetzt ist vom zynischen Zeitalter der Vor-Interpretation und der Urteile. Das gilt nicht nur für die Bilder, sondern auch für die Worte. Auch die müssen abgewogen und hinterfragt werden. Nicht nur E. ringt mehrfach um die passende Formulierung, auch ein junger Mann am Ende von Staub muss erkennen, dass Worte Grenzen haben, wenn es um (un)menschliche Erfahrungen geht. Müllers Kino setzt genau an diesem Punkt an: in Situationen von Sprach- und Bilderlosigkeit, von denen ausgehend sie eine Offenheit schafft, die es überhaupt erst ermöglicht, das Unvorstellbare nachzuvollziehen, etwas zu erzählen und zuzuhören.
Auch in Nördlich von Libyen (2023) sucht Müller in der Gegenwart nach dem, was bereits geschehen ist, indem sie Dariush und Antje portraitiert – zwei Menschen aus Hamburg, die sich ehrenamtlich in der Seenotrettung im Mittelmeer engagieren. Die Bilder aus dem Hamburger Hafen werden mit Schilderungen der tragischen Ereignisse auf hoher See verbunden. Indem sie ihre Protagonist_innen beim Erzählen beobachtet, gelingt es ihr, etwas zu erfassen, das im medialen Diskurs über im Meer ertrinkende Flüchtende nicht verhandelt wird. Dieses Etwas ist schwer in Worte zu fassen – vielleicht ist es der Preis, den wir Menschen zahlen, vielleicht auch die Kraft, die es uns ermöglicht, weiterzuleben. Erst durch die in den Film montierten Handyaufnahmen aus den Lagern in Moria verändert Müller ihren Ansatz. Damit macht sie deutlich, dass ihre Entscheidung des Nicht-Zeigens nichts mit einem Mangel an Bildern zu tun hat, sondern mit einer bewussten Abwägung: In einer Welt, in der es zunehmend wertvoller erscheint, dem stetig anschwellenden Bilderlärm keine weiteren falschen Bilder hinzuzufügen, zeigen Müllers Filme, wie viel Menschlichkeit und Aufmerksamkeit gewonnen werden kann, wenn man genau hinsieht – und gerade deshalb nicht alles zeigt.