Eine Ausstellung vom Mentoring-Programm Kunst der Akademie der bildenden Künste Wien, 5.9.2025–12.10.2025
Auszug aus dem Katalog
Nördlich von Libyen ist ein eindringlicher Dokumentarfilm, der die europäische Migrationspolitik durch das intime Porträt zweier Seenotretter_innen beleuchtet. Regisseurin Luise Müller erzählt die Geschichte von Antje, einer ehemaligen Sanitäterin auf Seenotrettungsmissionen, und ihrem Partner Dariush, einem Kapitän, dem in Italien wegen „Beihilfe zur illegalen Einwanderung“ zwanzig Jahre Haft drohen. Der Film entwickelt eine bemerkenswerte räumliche Dramaturgie:
Während die Erzählung über Europas Außengrenzen hinausführt und die prekäre Situation von Geflüchteten im Mittelmeer thematisiert, verbleiben die Bilder konsequent in Hamburg. Diese bewusste Ortsbindung an die norddeutsche Hafenstadt schafft einen produktiven Spannungsraum zwischen dem Alltäglichen und dem Politischen, zwischen geografischer Distanz und emotionaler Nähe. „Und dann ist das Meer eben schön und gleichzeitig aber auch ’n Grab“, reflektiert Antje in einer der prägnanten Szenen des Films, während neben ihr auf dem Sofa ihr kleiner Hund schläft. Diese Kontrastierung von Intimität und politischer Tragweite prägt den gesamten Film und macht die abstrakte europäische Migrationspolitik über persönliche Schicksale greifbar. Luise Müller versteht es, die Gewalt europäischer Grenzpolitik sichtbar zu machen, ohne auf spektakuläre Bilder zu setzen. Ihre Herangehensweise folgt der Überzeugung, dass sich Gewalt durch alle Facetten der Gesellschaft zieht und gerade in scheinbar ruhigen, alltäglichen Momenten manifest wird. Der Film zeigt das „Nebeneinander zweier Welten“ und macht deutlich, wie eng die Peripherie Europas mit seinem Zentrum verbunden ist.
Der Film wird im Rahmen der Ausstellung Care – zwischen Zärtlichkeit und Widerstand am 11.10.2025 um 14 Uhr im Stadtkino Wien gezeigt und fügt sich in den thematischen Kontext der Ausstellung ein, indem er Care-Arbeit als politischen Akt der Solidarität und des Widerstands gegen unmenschliche Grenzpolitik verhandelt.